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Filmtexte

Schlöglmühl

Spielfilm

Our Girls

Regie: Mike van Diem · Niederlande 2025 · 103 Min.
Diagonale 2026

In dem Kontext wird selbst Brahms unhörbar. Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Diagonale ist eine von österreichischen Fördergeldern durchgefütterte Arthouse-Sterbehilfe und Moralpredigt, die wenn man dem Regisseur an den Lippen hing, highly artistic und außergewöhnlich sein soll. Hatte beim sehen direkt mindestens 2 bessere, wenngleich stilistisch beinah identische Filme im Kopf: "Nichts passiert" von Micha Lewinsky und die frühen, noch unbefleckten Östlund-Verfilmungen, ach was, die ganze skandinavische Sippschaft kannst du hier als Vergleich bemühen und du lägst selten falsch. Die eigens erwähnten Kamerakniffe von "Österreichs größtem Cinematographen" Martin Gschlacht hat ein jedes Augenpaar schon unzählige Male gesehen, aber über irgendwas muss man als Regisseur ja reden, wenn der Film als solcher schon nichts hergibt. Was ich mich auch gefragt habe, warum sich Menschen immer und immer wieder für diese moralisch-bezweckten Konflikte begeistern lassen, warum die Parteinahme wichtiger ist, als ein kritischer Blick auf die bemühte Moral als solche, die ja letztlich nur ein paar Haken schlägt und zum Grundausgangspunkt des Diskurses zurückkehrt. Ist es diese kollektive Lohnarbeiter-Bückstellung, nicht das sichere Gefilde einer bleibenden Anstellung zu verlassen, um ein ums andere Mal die selben aufgewärmten Küchentischdiskussionen zu führen? "We did not improvise a syllable" - was du nicht sagst...

Rose

Regie: Markus Schleinzer · Österreich 2026 · 93 Min.
Diagonale 2026

Textfeld

Cría cuervos

Regie: Carlos Saura · Spanien 1975 · 110 Min.
Diagonale 2026

Textfeld

Experimentalfilm

Das Block

Regie: Stefan Kolbe, Chris Wright· BRD 2007 · 75 Min.
Diagonale 2026

Versprengte oder gesprengte Enden die sich nicht (mehr) verbinden lassen. Da liegt so viel im Argen, man traut sich kaum den Atem zu heben, die Augen abzuwenden, sich bewusst abzugrenzen, vielleicht ist die Verantwortung, von der auch im Gespräch schon gesprochen wurde, schon von Beginn an gegeben, die Verantwortung als Mensch oder Bürger, sich einem Bewusstsein zu öffnen, das diese Umstände eben nicht bewertet, sich aber unterordnet, ein Bewusstsein das ein Verständnis von unwiderruflichen Geschehnissen besitzt und sich dieses unaufhörlich, bis man es schon gar nicht mehr aushält, selbst vorhält. Diese Verantwortung merke ich an mir selber, der ich das Gesehene immer einzuordnen versuche, der ich wie ein Jäger aus seinem Jagdstand die Wildtiere mustert. So sitz ich hier, bin mir keiner zu erledigenden Aufarbeitung meines Bewusstseins bewusst und sterbe tausend Tode mit Olga und dem Wahn den sich die Menschheit herbeigezüchtet hat. Ich weine, weil ich nichts weiß, ich lächle, weil ich mir vorstelle wie es ist, etwas zu wissen, ich krieche die Gänge entlang, keine Tür die sich öffnet, solange ich der bin, der ich bin. Und solang ich nicht der bin, bin ich weniger, als der Dreck unter den Schuhen eines Jägers, der wahllos tötet, vielleicht - weil er etwas weiß.

Baby, i will make you sweat

Regie: Birgit Hein· BRD 1994 · 66 Min.
Diagonale 2026

Hat leider eine große Moralismusdebatte angestoßen, die wieder nur bedingt mit dem Film bzw. seiner filmischen Identität zu tun hatte, insofern dass hinterfragt wurde, warum keine schwarze Person am Podium saß, warum der offensichtlich ausgestellte Rassismus (sofern er eben ein motivierter ist) nicht eingeordnet wurde, oder nicht als Ausgangspunkt des Diskurses angesprochen wurde. Das sind alles so Dinge, die find ich in einer politischen Debatte durchaus besprechenswert, wenn sie denn nicht die unsachliche/unproduktive Ebene erreicht (in dem beispielsweise die Hautfarbe hervorgehoben wird, um herauszustellen welchen Wert ein Argument besitzt) aber es ist keine Debatte über die Kunst oder ein filmisches Motiv. Das filmische Motiv äußert sich hier im Begehren, in der Sehnsucht nach Körperlichkeit, kurz in der Wollust, die als solche ja keine ökonomische oder gar koloniale "Dimension" kennt, die in sich eine reine, man will fast sagen unpolitische oder weitestgehend willkürliche Körperlichkeit birgt. Die filmische Antimaterie reißt natürlich alte Wunden auf, zumal Hein auch keinen Hehl aus ihren eigenen Verfehlungen macht, so versteht sie nicht, dass die Rassismuserfahrung das Wesen verändert und das Prekariat kein gewählter und begrüßter Zustand ist. Ich bezahle mit der Gleichgültigkeit, das Unbehagen ist eine falsche Behauptung, wenn doch alle ihr eigenes Unbehagen gar nicht mehr richtig realisieren. Zu laut das Rauschen und Zischen einer Wildnis, die man stetig vermutet, aber nie zu Gesicht bekommt.

Höhenrausch

Regie: Siegfried A. Fruhauf · Österreich 1999 · 4 Min.
Diagonale 2026

Zwei Bildebenen, zuerst die "narrative" & "normative" dann dessen Aufhebung, das umgekehrte/entrückte Bild. Habe an mir selbst beobachtet, dass ich bis zum Schluss beinah nur erstere wahrgenommen habe, welch ein Verlust.

Flim Flam

Regie: Siegfried A. Fruhauf · Österreich 2026 · 15 Min.
Diagonale 2026

Eine Imitation von Bewegung, wie ein Baby das versucht, seine ersten Schritte zu machen, oder ein Außerirdischer der versucht, nicht aufzufallen. Fruhauf schafft hiermit vielleicht den zentralen prähistorischen Film nach Kubelka, das Material bricht, assimiliert sich, wird zur Metapher seiner selbst; seine Konstitution muss sich neu erfinden, man beobachtet wie sich eine Synthese aus der alten Form und ihrer daraus resultierenden, also die neu erfundene, Form bildet. Und der Flickenteppich beendet dann die Symbolik - Schwarzblende, Arnulf Rainer winkt.

Beni's Noise

Regie: Valerie Pelet · Österreich 2026 · 44 Min.
Diagonale 2026

Textfeld

Ich denke oft an Hawaii

Regie: Elfi Mikesch · BRD 1978 · 85 Min.
Diagonale 2026

Die freudlose Gasse, bunt ist nur wer zu Besuch ist, der Rest riecht nach Altbau und Flieder, manchmal bekommt man beim Teller spülen Lust, einen Abschiedsbrief zu schreiben. Sich zu verabschieden von den Wohnungen in Blockbauten, von Berlin und erst recht seinen Inhaftierten. Da trägt selbst die Einsamkeit schwarz, die Blumen am Kaminsims sind lediglich Erinnerung, dass es die Natur, irgendwo ganz weit entfernt, noch gibt. Warum spielt das Theater nie für mich, aber für die paar Leute die es sooderso nicht nötig haben. Wie ich mich sehne nach der Widrigkeit eines falschen Spiels, hauptsache jemand spielt, hauptsache jemand atmet.

POSITION Billy Roisz 1

Regie: Billy Roisz ·
Diagonale 2026

Textfeld

Dokumentarfilm

Postadresse: 2640 Schlöglmühl

Regie: Egon Humer · Österreich 1990 · 85 Min.
Diagonale 2026

Eine Frau sitzt rauchend im Gang des Werkswohnungsgebäudes. Sie trägt ein Blümchenkleid, im Hintergrund rauscht ein Fernseher, man vernimmt Schlager von Modern Talking, wahrscheinlich hat irgendwo, irgendjemand Sex, oder kocht gerade, die Alten werden schon schlafen, die Jungen haben das vierte Bier intus und sind versucht, die Alten in den Wahnsinn zu treiben. Kein Leben ist das, eingesperrt in die Unmündigkeit eines isolierten Daseins. Warum rauchen, wenn man doch ganz andere Sorgen hat. Warum lachen, wenn man keine Zeit dazu hat. Am Land wird nicht gelacht, zumindest nicht so wie wir Stadtmenschen denken - also herzhaft, frei von Verdruss oder Heimtücke - am Land lacht man, um sich selbst zu schützen. Am Land, wo der einzelne Mensch nicht viel mehr zu sagen hat als das Vieh im Stall, dort wo der zu langsame, zu melancholische Mensch schnell in den Brunnen geschubst wird, dort lacht man gegen das eigene Leid an. Man lacht über den Alkoholiker der einem näher ist als einem beliebt, man lacht über das missratene Kind einer verschmähten Familie, weil man nicht weiß wie damit umzugehen ist, und man lacht über die Obrigkeit, die wie ein nicht zu erklimmender Berg über dem traurigen Tal thront, klischeehaft die Fäden in der Hand, den Schlagstock im Anschlag, man lacht über die Ohnmacht die einen vereinnahmt, wenn man nur einen Gedanken daran verliert. Vielleicht lacht man auch, um sich die Vorstellung, einer dieser Obrigkeiten gewaltsam Herr zu werden, wieder auszutreiben. Man lacht, weil zum weinen die Tränen fehlen, zum Schreien die Stimme, zum lechzen die Sehnsucht, man lacht mit dem Teufel, der jedes Haus beschmutzt; ich werds ja doch nicht überleben, drum lach ich. Ich lach, weil ich der Krankheit Namen kenne und sie meinen, ich lach weil mein letzter Wunsch, dein Tod sein soll.

Wax & Gold

Regie: Ruth Beckermann · Österreich 2026 · 97 Min.
Diagonale 2026

Richtig interessant wird der Film erst in den letzten Minuten wenn die koloniale Dimension den Rahmen der ausgestellten kulturellen/intellektuellen Hegemonie verlässt. Den in die Architektur eingeschriebenen Text versucht Beckermann gar nicht erst zu ergründen, viel zu vertieft ist sie in ihre Manie, die Zeitgeschichte mit der Gegenwart abzugleichen/ einen direkten Bezug herzustellen. Ewige Gleichungen ohne Schnitt, keine Fragen für die Gezeichneten . Und der Globalismus war noch nie der beste Autor, geschweige denn die Muse.

Knittelfeld – Stadt ohne Geschichte

Regie: Gerhard Friedl · Österreich 1997 · 35 Min.
Diagonale 2026

Fast schon die Substitution eines Ortes, Knittelfeld dekonstruiert sich bis in seine kleinstmögliche Form - den Stammbaum seiner Ursprungsfamilie - oder zumindest wirkt es so, als hätte "Familie Pritz" all das Leben sowie dessen Ende zu verantworten. Knittelfeld wird zur Genealogie seiner selbst, es wird nie zum Ort, aber zum Spielfeld seiner Gründer, zum ortsunabhängigen Zentrum eines Schauspiels. Leider wird der Film dem Anspruch, ebenjenes Zentrum auch als filmisches Zentrum zu begreifen, nicht gerecht und verirrt sich in Erzählungen und Rekonstruktionen von tatsächlichen Begebenheiten, die eigentlich nur auf Reaktionen hinarbeiten, Film zum Diskurs, nicht als Diskurs.

Berlino

Regie: Valeska Grisebach · Österreich 1999 · 25 Min.
Diagonale 2026

Berlin als große, fast endlose Baustelle, die italienischen Gastarbeiter treffen sich um dem Kassettenrekorder zu lauschen, um zu rauchen, zu trinken, zu essen, Karten zu spielen, vielleicht wird auch mal getanzt, ganz sicher aber geträumt; von den wilden Straßen des anderen Berlins, die sie immer nur sehen, wenn sie zu ihrem Arbeitsplatz pendeln, man lebt von der Telefonzelle zum Schlafzimmer; erinnert man sich an Italien, wird einem zum heulen zumute. Und verlässt man Berlin, sieht man plötzlich das Leben, die Wälder wie sie vorbeizischen, die Gleise die Heimat bedeuten, man trifft seine Freunde, egal wo sie sind.

Knife in the Heart of Europe

Regie: Artem Terent’ev- · Österreich 2025 · 60 Min.
Diagonale 2026

Wenn man denkt, es existiere nur die eine Realität, die man sich selbst immer wieder einredet, die sich vor unseren Augen abspielt, verpasst man die unzähligen weiteren Realitäten, die in dem Zwischenraum von ebenjener Realität und der Fiktion existieren, die halbe Realität, die geteilte, die die sich selbst nicht begreift und die gestohlene, aus dem Teich der Begrifflichkeiten gefischte, mit der man eigentlich nichts anfangen kann. Irgendwo schafft der Film schon seine eigene Realität, zwischen Sternbildern und brennendem Korn, das persönliche nimmt ihm diese Realität wieder, es ist fast als wache man aus einem Traum auf und müsse die tatsächliche, begreifliche Wirklichkeit wieder ertragen. Aber vielleicht kann man den Krieg auch nur so verarbeiten, als ebenjene schreckliche Wirklichkeit, die alles andere einstampft.

Places

Regie: Tim Sharp · Österreich 2026 · 16 Min.
Diagonale 2026

text

Das Jahr nach Dayton

Regie: Nikolaus Geyrhalter · Österreich 1997 · 204 Min.
Diagonale 2026

Alte Unsicherheiten, ein Lächeln das dem Gestern gilt, ein geschimpftes Wort kommt hier über keine Lippen, eher reißt man sich das Herz aus dem Leib. In den Gesprächen gibt es zwar viel "ich" und doch spricht eigentlich niemand über sich. Wer hat da überhaupt noch ein "ich", in diesen zersprengten Gefilden, die fürs sterben zu schad und fürs Leben zu einsam sind. Man geht durch Straßen die man als Kind noch spielend entlanggerast ist und sieht nichts als Pfützen, Schutt und betretene Gesichter. Man wohnt seit 40 Jahren hier und erkennt niemanden mehr, die Trafik ist weg, der Krämer auch, nie war ein Spaziergang so leer, so voll von falscher Erinnerung, die man nicht mehr prüfen kann, die Fotos scheinen wie aus einem fremden Land. Mein Leben ist keine Methode, mein Leid nicht deine Geschichte, ich spreche nur, weil ich nicht mehr singen will.

Totschweigen

Regie: Margareta Heinrich, Eduard Erne · Österreich 1994 · 89 Min.
Diagonale 2026

Jeder schweigt von etwas anderem. Im toten Winkel Burgenlands, wo jeder jeden kennt, jeder die Konsequenz seines Tuns direkt zu spüren bekommt, hier im Epizentrum der menschlichen Mühle, da wird man nicht glücklich. Der Kreustadel wird zunehmends zum Protagonisten einer kollektiven und doch außergesellschaftlichen Verzweiflung; er ist wie das letzte Fleckchen Erinnerung das sich seiner noch bewusst ist - unter Menschen die scheinbar nie gelebt haben, also nie sehen konnten, und Menschen die gesehen haben, aber nicht mehr leben. Und schon hier beginnt die Interessensfrage, wem nützt mein Wissen, wem mein Schweigen, oder was nützt es mir. Und da geht es nicht um Moral, sondern um Würde. Würde hat in diesem nach verlogenen Kaff niemand, Anstand noch weniger, man tut sich schwer, diese Gestalten noch Menschen zu nennen.