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Poster: Gammelion

Gammelion

Notizen zu Gregory J. Markopoulos
“To be loved means to be consumed. To love means to radiate with inexhaustible light. To be loved is to pass away, to love is to endure.” — Rainer Maria Rilke

Wo die Wimper zuckt, wo das Lid sich krümmt, für den Bruchteil einer Sekunde stehen wir vor der Entscheidung, ob wir unser Auge nun wieder öffnen, oder geschlossen halten sollen. Da wir nicht sehen, können wir vermuten, fast träumen, vielleicht zurückdenken an Motive die wie gleißende Blitze an uns vorbeirauschen. Diese Momente verzückter Unentschlossenheit, als hätte der Gedanke uns schon verschluckt, sie halten uns im Klammergriff, wie soll ein Mensch leben und erst recht sterben, zu Unrecht, zurecht, im Augenblick kann er doch nur wählen zwischen ewiger Finsternis – er hält das Auge geschlossen – und endlosen Eindrücken - das Auge schließet nimmermehr.

Das Ding

Der Gedanke ist unser erster Rezensent, nimmt man das Auge vorweg. Der Gedanke ist zuallererst ein Kritiker, ein fahriges, berechnendes Wesen, dass der reinen Form eines Dinges nie gänzlich befreit gegenübersteht. So ist dieser Kritiker meist nun auch ein nachtragender Skeptiker, der für sich genommen (auch ein Gedanke evoziert weitere Gedanken) meist einen Vergleich bemüht, um dieses “Ding” zu kategorisieren, es in der Logik eines kollektiven Wissens einzuordnen, bzw. es anhand dieses Wissens zu untersuchen. Dieses “Ding” kann nun eine bewegliche Form sein, eine Fotographie, oder gar etwas Haptisches, ein Ball; dieses Ding existiert ohne eigenen, sowie fremden Gedanken, es ist basal gesagt: da. Der Gedanke hingegen, der sich an diesen Eindrücken labt, sie sammelt und kultiviert; der hängt wie ein Parasit an dem Ding, wie ein Blutegel, ein Lipödem; infolgedessen kann er nicht ohne den anderen, er existiert nur, weil “etwas” existiert.

Um das auf Markopoulos anzuwenden, muss man versuchen, sich ein Triptychon vorzustellen: Auf der linken Seite steht das Bild (das von mir sogenannte “etwas”), oder auch der Eindruck, das Subjekt und zugleich Objekt eines Zustandes. Im Epizentrum des Triptychons befindet sich der Gedanke; Markopoulos markiert es in Form von einem sich wandelnden Bild - das Subjekt verschwindet und wandelt sich in eine Schwarzblende – dieser Zwischenraum ist der Gedanke, der wie ein Blitz das Bild vom Nicht-Bild trennt. Und die rechte Seite des Triptychons ist die Reaktion, ganz frei zu bestimmen, also zugleich körperlich als auch geistige Reaktion auf einen immanenten Gedanken. Dieser Zustand äußert sich als Schwarzblende, vielleicht ist es auch ein Moment von purer Freiheit, purem Leichtsinn, wenn der Gedanke verfliegt und das Bild schon vergessen ist.

Replika einer Täuschung

Ich hatte bei Wyborny schon gefragt, wie sich unser Blick verändert, wenn man Dinge repliziert wahrnimmt. Hier ist es eher die Frage, wie sich das Bild verändert, wenn wir es nur für einen kurzen Moment wahrnehmen, wie sich die Reaktion verändert, wenn wir nicht mehr unterscheiden können, ob wir etwas bereits gesehen haben, was sich verändert hat und in letzter Konsequenz auch; was denn tatsächlich zu sehen ist. Ist etwas, wenn ich es nicht erkenne; kann etwas sein, das ich nicht sehen kann, kann ich etwas sehen, das nicht ist?

Gammelion – Zwischenszene

Im Sinne eines strukturalistischen Films endet ein jeder Blick in der völligen Verwahrlosung der Struktur – der Natur.

— Niklas Dutzler